Warum gehen Menschen fremd, obwohl sie ihren Partner lieben? Das ist die versteckte psychologische Ursache, laut Experten

Kennst du das? Eine Beziehung läuft auf den ersten Blick super. Gemeinsame Netflix-Abende, gegenseitiges Unterstützen, vielleicht sogar der gemeinsame Traum vom Eigenheim. Und dann passiert es: Untreue. Der Schock sitzt tief, und die Frage, die alle beschäftigt, lautet: Warum? Die üblichen Verdächtigen werden schnell hervorgekramt – zu wenig Sex, der Partner hat sich gehen lassen, die Flamme ist erloschen. Aber was, wenn die wahren Gründe völlig woanders liegen? Was, wenn Menschen nicht vor ihrem Partner fliehen, sondern vor sich selbst?

Die Psychologie hat in den letzten Jahren faszinierende Erkenntnisse über Untreue ans Licht gebracht, die unsere simplen Erklärungen komplett über den Haufen werfen. Die versteckte Wahrheit? Die Ursachen für Fremdgehen liegen oft tief in der Psyche der Person, die betrügt – und haben manchmal erstaunlich wenig mit der Qualität der Beziehung zu tun.

Warum die Hollywood-Version von Untreue meistens falsch liegt

Wir kennen alle das Narrativ: vernachlässigte Partner, fehlende Aufmerksamkeit, sexuelle Unzufriedenheit. Das Problem? Die Realität ist deutlich komplizierter und oft unbequemer. Therapeuten beobachten seit Jahren ein Phänomen, das unsere einfachen Schuldzuweisungen infrage stellt: Menschen gehen auch dann fremd, wenn ihre Beziehungen eigentlich gut funktionieren.

Der Therapeut Robert Krueger hat in seiner klinischen Praxis ein Muster identifiziert, das er als narzisstische Untreue bezeichnet. Damit ist nicht gemeint, dass jeder, der fremdgeht, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Vielmehr beschreibt es einen psychologischen Mechanismus: Menschen nutzen Affären, um ihr angeschlagenes Selbstwertgefühl aufzupumpen. Das Verrückte daran? Sie können ihren Partner lieben und trotzdem fremdgehen, weil das eigentliche Problem in ihnen selbst liegt.

Die Affäre wird zum psychologischen Pflaster für innere Wunden, die oft schon in der Kindheit entstanden sind. Der neue Mensch bringt frische Bewunderung, das berauschende Gefühl der Eroberung, die Bestätigung: „Ich bin begehrenswert!“ Für einen kurzen Moment fühlt sich das brüchige Ego komplett an. Das Problem? Es ist nur eine temporäre Lösung für ein permanentes inneres Problem.

Die Kindheit als unsichtbarer Strippenzieher

Hier wird es richtig interessant. Experten der Paartherapie-Plattform Myndpaar haben herausgefunden, dass viele Menschen, die fremdgehen, negative Glaubenssätze aus ihrer Kindheit mit sich herumschleppen. Sätze wie „Ich bin nicht genug“ oder „Ich muss mir Liebe verdienen“ programmieren das Gehirn auf eine ständige Suche nach externer Bestätigung.

Diese Überzeugungen entstehen oft durch emotionale Vernachlässigung, überkritische Eltern oder frühe Verletzungen. Das Kind lernt eine fatale Lektion: „Meine bloße Existenz reicht nicht aus. Ich muss etwas leisten, jemand Besonderes sein, um geliebt zu werden.“ Dieser Mechanismus läuft im Erwachsenenleben weiter – nur dass jetzt nicht mehr die Eltern die Quelle der Bestätigung sind, sondern Partner, Affären, neue Eroberungen.

Das wirklich Perfide daran? Selbst in einer liebevollen, stabilen Beziehung bleibt dieser innere Hunger bestehen. Der Partner kann noch so unterstützend und liebevoll sein – wenn die Wunde von innen kommt, kann sie von außen nicht geheilt werden. Zumindest nicht ohne bewusste psychologische Arbeit und Selbstreflexion.

Flucht vor unangenehmen Gefühlen: Was wirklich passiert

Die Psychoanalytikerin Juliet Rosenfeld hat 2025 ihre Erkenntnisse aus jahrelanger therapeutischer Arbeit veröffentlicht und dabei fünf zentrale psychologische Muster identifiziert, die Menschen in Untreue treiben. Spoiler: Keines davon lautet „Mein Partner war nicht sexy genug.“

Rosenfeld beschreibt, wie Menschen Affären als Fluchtmechanismus vor überwältigenden negativen Emotionen nutzen. Wer sich in seinem Leben gefangen fühlt, von Stress überwältigt wird oder von Scham geplagt ist – sei es beruflich, persönlich oder durch unverarbeitete Traumata – sucht manchmal nach einem emotionalen Notausgang.

Die Affäre wird zur Parallelwelt, in der diese belastenden Gefühle temporär nicht existieren. Es ist eine Form der Vermeidung, ein psychologischer Eskapismus. Man erschafft sich eine Blase, in der man nicht der gestresste Angestellte, die überforderte Mutter oder die Person mit ungelösten Kindheitstraumata ist. Man ist einfach nur jemand, der begehrt wird.

Depression und die verzweifelte Suche nach Lebendigkeit

Ein weiterer Zusammenhang, der oft übersehen wird: Untreue und Depression. Menschen, die mit depressiven Verstimmungen kämpfen, erleben häufig ein Gefühl innerer Leere, Wertlosigkeit und emotionaler Taubheit. Die Welt erscheint grau, nichts fühlt sich wirklich an.

In diesem Zustand kann eine Affäre wie ein emotionaler Defibrillator wirken. Die Aufregung, das Verbotene, die intensive Aufmerksamkeit einer neuen Person – all das kann vorübergehend das taube Gefühl durchbrechen. Die Affäre wird zum Selbstmedikationsversuch, zur verzweifelten Suche nach dem Gefühl, überhaupt noch lebendig zu sein.

Rosenfeld betont auch die Rolle fehlender Anerkennung – aber nicht unbedingt die des aktuellen Partners. Oft geht es um eine tieferliegende Erfahrung, nie wirklich gesehen oder wertgeschätzt worden zu sein. Diese alte Wunde stammt aus der Vergangenheit, wird aber unbewusst in die Gegenwart projiziert.

Die Angst vor echter Nähe: Das paradoxe Muster

Jetzt wird es wirklich tiefenpsychologisch. Krueger und andere Experten haben ein besonders paradoxes Muster identifiziert: Manche Menschen gehen fremd, weil sie Angst vor zu viel Nähe haben. Klingt verrückt, oder? Du bist in einer Beziehung, teilst dein Leben mit jemandem – aber ein Teil von dir zieht die Notbremse, sobald es zu intim wird.

Diese Bindungsangst, oft verwurzelt in frühen Beziehungserfahrungen, führt zu einem selbstsabotierenden Verhalten. Die Untreue schafft emotionale Distanz, ohne dass man die Beziehung verlassen muss. Es ist eine unbewusste Strategie: „Ich halte dich auf Abstand, damit du mir nicht zu nah kommst und mich verletzen kannst.“

Menschen mit diesem Muster beschreiben ihre Affären oft als emotional nicht besonders bedeutsam. Sie dienen als Puffer, als psychologischer Schutzschild gegen die Verletzlichkeit echter Intimität. Die Affäre ist nicht der Versuch, etwas Besseres zu finden, sondern der Versuch, sich nicht vollständig auf eine Person einlassen zu müssen.

Was das alles für Beziehungen bedeutet

Diese psychologischen Erkenntnisse sind keine Entschuldigung oder Rechtfertigung. Untreue bleibt ein massiver Vertrauensbruch, der tiefe Wunden hinterlässt. Aber das Verständnis dieser Mechanismen verändert die Perspektive fundamental.

Für betrogene Partner bedeutet es: Es lag nicht an dir. Du warst nicht „nicht genug“. Die Ursache lag in ungelösten psychologischen Mustern, die bereits vor dir existierten. Das nimmt die lähmende Last der Selbstvorwürfe. Natürlich heißt das nicht, dass Beziehungen perfekt waren – aber die Hauptursache lag woanders.

Für Menschen, die fremdgegangen sind: Die wahre Arbeit beginnt bei der Auseinandersetzung mit den tieferliegenden Ursachen. Warum habe ich das wirklich getan? Welches Bedürfnis habe ich versucht zu erfüllen? Welche alten Wunden versuche ich zu betäuben? Ohne diese ehrliche Selbstbefragung liegt die Wiederholungsgefahr hoch.

Für alle Paare: Prävention durch Selbstkenntnis. Wer seine eigenen psychologischen Muster kennt – das brüchige Selbstwertgefühl, die Bestätigungssucht, die Bindungsangst – kann aktiv daran arbeiten, bevor sie zur selbstzerstörerischen Handlung führen.

Die unbequeme Realität über Heilung

Seien wir ehrlich: Die Statistiken sind ernüchternd. Etwa 85 Prozent der Beziehungen verschlechtern sich nach aufgedeckter Untreue. Nicht alle Beziehungen können oder sollten gerettet werden. Aber für die, die es versuchen wollen, bietet das Verständnis der psychologischen Hintergründe zumindest eine Chance auf echte, tiefgreifende Veränderung statt oberflächlicher Versprechen.

Die gute Nachricht? Menschen können sich ändern. Psychologische Muster sind nicht in Stein gemeißelt. Mit Bewusstsein, professioneller Unterstützung und echtem Commitment können selbst tiefverwurzelte Verhaltensweisen transformiert werden.

Paartherapie kann helfen, aber nur wenn beide Seiten bereit sind, tiefer zu graben. Oberflächliche Versprechen wie „Es wird nie wieder passieren“ reichen nicht aus. Die psychologischen Muster müssen ans Licht kommen und bearbeitet werden. Die fremdgehende Person muss verstehen, welche inneren Mechanismen sie angetrieben haben, und aktiv daran arbeiten.

Praktische Schritte zur Prävention und Heilung

Was bedeutet das alles konkret für den Alltag? Die wichtigsten Erkenntnisse übersetzt in praktische Ansätze zeigen, dass Selbstreflexion der Schlüssel ist. Wer sich seiner inneren Muster bewusst ist, kann präventiv handeln. Therapie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von emotionaler Reife und dem Willen, an sich zu arbeiten.

Kommunikation über echte Gefühle wird oft unterschätzt. Sprich mit deinem Partner nicht nur über Alltagsthemen, sondern auch über tieferliegende emotionale Bedürfnisse. „Fühlst du dich wirklich gesehen und wertgeschätzt?“ ist wichtiger als „Was machen wir am Wochenende?“ Diese Gespräche mögen unbequem sein, aber sie schaffen die Art von Intimität, die viele der beschriebenen psychologischen Muster durchbrechen kann.

Kindheitsthemen anzugehen ist fundamental. Viele dieser Muster stammen aus der Kindheit, und wer diese alten Wunden nicht bearbeitet, läuft Gefahr, sie immer wieder in Beziehungen zu reproduzieren. Die Anerkennung von Warnsignalen spielt dabei eine wichtige Rolle: Wenn du merkst, dass du ständig externe Bestätigung suchst, dass du dich in deiner Beziehung gefangen fühlst oder dass du Nähe sabotierst, sind das rote Flaggen.

Nach der Untreue gilt: Verstehen ist nicht gleich verzeihen, aber es ermöglicht eine informierte Entscheidung. Kann und will die fremdgehende Person an ihren psychologischen Mustern arbeiten? Ist professionelle Hilfe im Spiel? Ohne diese Komponenten ist echte Veränderung unwahrscheinlich.

Der Hoffnungsschimmer in all dem

Trotz aller schwierigen Wahrheiten gibt es auch Grund zur Hoffnung. Paare, die nach Untreue therapeutisch arbeiten und die psychologischen Wurzeln wirklich angehen, berichten manchmal sogar von einer tieferen Intimität als zuvor. Nicht weil Untreue „gut“ war, sondern weil der Heilungsprozess eine Ehrlichkeit und Verletzlichkeit erzwingt, die vorher vielleicht gefehlt hat.

Das bedeutet nicht, dass Untreue ein notwendiger Schritt ist. Im Gegenteil: Präventive Arbeit an diesen Themen kann verhindern, dass es überhaupt so weit kommt. Wer sich frühzeitig mit seinen inneren Mustern auseinandersetzt, kann eine Krise vermeiden, bevor sie eintritt.

Die wichtigste Erkenntnis aus all diesen psychologischen Forschungen? Untreue ist oft ein Symptom, nicht die Krankheit selbst. Die wahre Arbeit beginnt bei der Auseinandersetzung mit den tieferliegenden Ursachen. Das ist unbequem, manchmal schmerzhaft, aber es ist der einzige Weg zu echter, dauerhafter Veränderung. Diese Perspektive verschiebt den Fokus von Schuldzuweisungen hin zu psychologischem Verständnis. Das macht Untreue nicht weniger schmerzhaft oder verwerflich. Aber es verändert die Art, wie wir darüber denken, wie wir damit umgehen und wie wir vielleicht sogar daran wachsen können.

Am Ende geht es um Selbsterkenntnis

Untreue ist und bleibt ein komplexes Thema. Viel komplexer als die simplen Erklärungen, die wir uns normalerweise zurechtzimmern. Die psychologische Forschung zeigt uns: Die Wurzeln liegen oft nicht in dem, was der Partner falsch gemacht hat, sondern in ungelösten inneren Konflikten, Selbstwertproblemen, Bindungsängsten und Kindheitstraumata.

Diese Erkenntnis ist unbequem. Sie verlangt von uns, ehrlich in den Spiegel zu schauen und zuzugeben, dass wir alle psychologische Baustellen haben. Aber genau diese Ehrlichkeit ist der erste Schritt zu echter Veränderung. Denn am Ende des Tages geht es nicht darum, Menschen in „Betrüger“ und „Betrogene“ zu unterteilen.

Es geht darum zu verstehen, dass wir alle komplexe psychologische Wesen mit Wunden, Ängsten und Bedürfnissen sind. Echte Intimität ist nur möglich, wenn wir den Mut haben, uns diesen Wahrheiten zu stellen – nicht als Ausrede, sondern als Ausgangspunkt für echtes Wachstum und Heilung. Und vielleicht ist genau dieses Verständnis der Schlüssel, um nicht nur Untreue zu verstehen, sondern sie aktiv zu verhindern. Eine ehrliche Selbstreflexion, ein tiefes Gespräch, eine Therapiesitzung nach der anderen.

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